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22.
September

Liebe Daheimgebliebenen,

vielleicht nervt es den interessierten Leser, von mir ständig mit der Qualität der Nacht, beziehungsweise meines Schlafes belästigt zu werden. Das könnte ich verstehen, führt aber vielleicht auch zu einem besseren Verständnis meines “Leidens”. Davon zu lesen ist eine Sache. Es zu erleben weitaus unangenehmer.

Gelbe Pfeile gibt es überallDie vergangene Nacht hätte im Prinzip eine Gute sein können. Jedoch: es gab in der Nähe der Herberge einen verhaltensgestörten Hund. Der Stimme nach ein Schäferhund. Dieser fing mitten in der Nacht zu bellen an und hörte damit nicht mehr auf. Ein stundenlanges, immer wiederkehrendes, höchst unangenehmes Geräusch. Kein wildes Kläffen, sondern ein fast rhythmisches, unaufgeregtes Bellen im Dreiertakt. Schlicht Nervenzerfetzend. Es wird für mich immer ein Rätsel bleiben, wie der Hundebesitzer selbst, und alle Einwohner des Dorfes das dauerhaft ertragen können.

An Schlaf war nicht mehr zu denken und so saß ich alsbald einem Barmann gegenüber, dessen Schlüssel vom aufschließen noch auf der Theke lagen und der erst alle elektrischen Geräte der Reihe nach einschalten musste, wobei er selbst noch gar nicht richtig wach schien. Vermutlich hat er mich und die anderen drei bis vier Wanderer, die ebenfalls auf ihren Café warteten, innerlich abgrundtief gehasst!

Der gestern schon beschriebene Drang weiter zu gehen, schob mich deshalb noch bei Dunkelheit auf die schmale Landstraße. Hier war ein kleiner, sehr dicker Kanadier unterwegs, der ebenfalls die Nacht in meiner Herberge verbracht hatte, und den offensichtlich nichts mehr im Bett hielt. Dank seiner Stirnlampe konnten wir uns fortbewegen.

Gegenverkehr Die ihn umgebende Leibesfülle führt dazu, dass er nie weiter als 20 Kilometer am Tag läuft und deshalb schon am 14. August in St.-Jean-Pied-de-Port gestartet war. Sein Humor war von der brottrockenen Sorte. Lustig fand ich seine “Berg”-Theorie. Er vertrat die Meinung, er könne steile Streckenabschnitte wesentlich besser bei Dunkelheit laufen, weil er sie dann nicht sehen würde…! Vielleicht war er deshalb schon so früh unterwegs.

Nach “Palas de Rei” sind es nur eineinhalb Stunden, der Tag ist also noch jung. Trotzdem wurde ich scheinbar erwartet. Am Eingang des Ortes befindet sich eine uralte Bogenbrücke. Der kurze Weg danach führt genau auf den Eingang einer ebenso alten Kirche zu, in deren Tür ein Padre steht und Pilger zu sich winkt. Auch mich. Er verpasst meinem Credencial - also meinem Pilgerpass - gleich zwei unterschiedliche Stempel und trägt gewissenhaft in eine Liste ein, aus welchem Land ich komme. Er spricht nur spanisch, aber seine Aufforderung mich in die Bank zu setzen um das zu tun, wozu es Kirchen gibt, verstehe ich auch so.

Als ich kurz darauf gehen will, fängt er mich an der Kirchentür nochmals ab, klopft mir den Staub der Landstraße von der Schulter und sagt, sehr deutlich ausgesprochen: “Auf Wiedersehen”. Sehr nett.

Nur noch 60 Kilometer.Der weitere Weg in die kleine Stadt Mélide führt auf unbefestigten Feld- und Waldwegen stets auf und ab. Eine schöne Wanderung, von etwa 15 Kilometern Länge. Am Ortsausgang von Mélide treffe ich auf einen jungen Spanier, der mich, trotz Bandage am Knie, schon einmal überholt hat. Hier sitzt er nun auf einer Bank und leidet vor sich hin. Er erklärt mir, er werde umkehren, weil er nicht mehr weiter könne. Dabei ist er erst seit Sarria - also etwas über 40 Kilometer - auf dem Weg. Das bringt mich dazu ein bisschen Motivationsarbeit zu leisten und etwas anzugeben. Ich weise ihn also auf mein biblisches Alter hin, packe meinen, inzwischen aneinandergehefteten, doppelt langen Pilgerpass aus, und zeige ihm, wo ich herkomme. Was ihn beeindruckt. Ein plötzlich über uns kreisender Hubschrauber macht die weitere Verständigung unmöglich und so überlasse ich ihn seinem Schicksal.

Credencial

Der Camino verläuft weiter durch eine Kette von kleinen Weilern, die Landschaft ist abwechslungsreich, die Vegetation verändert sich langsam. Erstmals gehe ich durch einen Eukalyptuswald, in den Gärten sind mediterrane Gewächse wie Palmen und Bougainvilleas zu sehen.

Der Eingang der Kirche liegt hier hinter dem AltarIn dem kleinen Dorf Boente steht wieder ein Padre im Eingang seiner kleinen Kapelle und stempelt bereitwillig Pilgern den Credencial. Auch er führt eine Liste in der er die Nationalitäten seiner Schäfchen festhält. Bei ihm betritt man die Kirche hinter dem Altar, was ich auch noch nie zuvor gesehen habe.

Wie schon an anderer Stelle erzählt, häufen sich die „Buspilger“ auf dem Jakobsweg, je näher man Santiago de Campostela kommt. Mir geht seit zwei Tagen ein Bus voller Franzosen auf den Wecker. Nicht dass ich prinzipiell etwas gegen unsere europäischen Nachbarn hätte. Ganz im Gegenteil. Aber ich mag prinzipiell keine Buspilger und dass die Mitglieder der „Grand Nation“ einen ziemlichen Tick haben, was ihre Sprache angeht, finde ich nicht angenehm.

Wir befinden uns bekanntlich schon etwa 750 Kilometer von der französischen Grenze entfernt, tief im landesinneren Spaniens. Jeder Pilger, egal ob er aus Korea, Neuseeland, Italien, Brasilien oder Deutschland kommt, grüßt den anderen hier mit dem spanischen „Buen Camino“. Die einzigen die eisern an ihrem „Bon Jour“ festhalten, sind die Franzosen. Mit Gedankenlosigkeit kann das nichts zu tun haben. Für mich ist das totale Ignoranz.

Singende BuspilgerAußer den Buspilgern werden die 200-km und vor allem die 100-km-Spanier zunehmend auffällig. Wie schon in einem anderen Kapitel beschrieben, genügt es nachweislich 100 Kilometer auf dem Camino zu laufen, um in Santiago die Compostela ausgehändigt zu bekommen. Und aus diesen 100 Kilometern machen die Spanier gerne einen Familien- oder Gruppen-Ausflug.

Auf dem Weg rotten sich seit Sarria immer mehr laut parlierende Iberer zusammen, die überhaupt nichts mit stiller Einkehr oder persönlicher Sinnsuche am Sonnenhut haben. Party ist angesagt! Es ist schwierig bei diesem Lärm das seelische Gleichgewicht oder gar die eigene Mitte zu finden. Mir hilft beim Suchen vor allem Loreena McKennitt und erneut Carlos Núñez aus der Musikbibliothek, das ganze Gedöns auszublenden.
Ich wünsche den Krawallmachern jede Menge Blasen an die Füße!

Meine Ziel des Tages erreiche ich nach 34 Kilometern. Die malerisch an einem Bach gelegene Herberge in den uralten Gebäuden von „Ribadiso da Baixo“. Etwa 60 Betten verteilen sich hier auf mehrere alte Steinhäuser. Es gibt zwei komplett ausgestattete neue Sanitätsgebäude mit allem was der Pilger braucht, dazu einen großen Garten , das Bachufer und ein kleines Restaurant nebenan.

Das Bächlein in Ribadisu da BaixoSeltsamerweise kenne ich in dieser Herberge außer ein paar besonders nervigen Spaniern niemand. Meine persönliche Entwicklung sorgt aber dafür, dass ich mich am Abend nicht alleine an einen Restaurant-Tisch verkrümele, sondern offensiv dem etwas zauseligen Australier Peter meine Gesellschaft andiene und mit ihm das Pilgermenü verspeise. War auch ein interessanter Abend.

Alle hier wissen es. Es sind nur noch 46 Kilometer bis nach Santiago. Alle sind gespannt wie sich das anfühlen wird. Am Ziel zu sein. Und manche machen sich tatsächlich Sorgen darum, ob sie gut schlafen werden. Ich selbst bin ja immer Optimist, höre nur auf das Gurgeln des Baches vor meinem Fenster und bin deshalb absolut sicher: das wird eine Gute Nacht!

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3 Kommentare zu “Buen Camino - oder doch Bon Jour?”

Hallo,

durch Zufall bin ich gerade auf diesen Text getoßen. Was haben die vielen Kilometer per Fuß gebracht?
Ich lese nur Nörgeleien über die schlechte Nacht, nervige Spanier, schlimme Busgruppen, einen Dicken, der ja nur mal 20 Kilometer schafft….
20Kilometer ist eine tolle Leistung, egal wie dick einer ist. Freue dich doch mit ihm.
Und einem Pilger mit Knieschmerzen prahlt man doch nicht die Taschen voll um sich seine Selbstbestätigung zu holen wie weit man schon gelaufen ist. Der Camino ist kein Wettlauf! Jeder das was er schafft und wenn es nur 40 Kilometer sind!

Ich war im Oktober auch auf dem schönen Jakobsweg. Da war auch ein Mann mit Schmerzen, wir haben uns zusammen gesetzt und unser essen geteilt, er hat etwas von meiner entzündungshemmenden Salbe bekommen und wir haben uns einen guten Weg gewünscht.
War eine Herberge sehr laut oder nicht ganz so rein: Der Pilger klagt nicht, der Pilger dankt!

Und die Busgruppen? Es gibt auch Menschen, die nicht so gut zu Fuß sind, oder weniger Zeit haben und trotzdem diesen schönen Weg gehen möchte. Wo ist da das Verständnis und die Toleranz.

Findet man seine innere Mitte wirklich nicht, wenn man Anderen das IHRE zugesteht? Ist es wirklich richtig auf einem spirituellen Weg Menschen Blasen an die Füße zu wünschen?

Ich glaube du bist deine Kilometer absolut umsonst gelaufen! Buen Camino!
Luna

moin!
also so hart würd ichs nun nich formulieren - manche mögens derb und ich nehme nicht an, dass man Deine Zeilen wörtlich lesen sollte - aber ich gebe Luna recht, dass das Ziel des Caminos bisweilen doch was anderes war… oder?
Franzosen kann man sicherlich so erleben, aber Deine Sichtweise auf die Dinge ist absolut ‘deutsch’. Für viele Spanier ist das Urlaub, und Spiritualität die zum Tempo von Loreena Mc Kennith passt, ist da unten -weiß nich, wie Du das erlebt hast- sicherlich weniger Mode als bei uns: Ich hab in den Caminogottesdiensten zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, warum es das Wort “Litanei” gibt und wie es entstand.

Anyway, was ich für mich weiß: nach dem Camino begann der eigentliche, deswegen:

Ultreia!

Hallo Luna und Merlin,
scheinbar habt ihr nur diesen einen Beitrag meines Blogs gelesen, sonst hättet ihr sicher aus meinem Gesamt-Geschreibsel entnehmen können, dass sich alle meine Äußerungen einem gewissen Stil unterordnen. Es gibt sehr, sehr viele Selbsterfahrungs-Berichte über den am Camino im Internet, die vor lauter Spiritualität nur so triefen. All diesen wollte ich stilistisch einen Kontrapunkt setzen. Meine “Briefe an die Daheimgebliebenen” sind also durchaus mit einem Augenzwinkern gemeint. Egal ob ich nun sage, ich mag keine Buspilger, keine Franzosen oder lärmende Spanier ;-)

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